Verstehen sie Spaß?

„Pastor arbeitet nebenher beim Italiener schwarz und bringt Pizza ins illegale Bordell, mit Lieferauto ohne TÜV und Heckscheibe!“ Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wenn ich mich mit meinen Kollegen nach einem anstrengenden Konferenztag bei einem gemütlichen Glas Wein treffe, gibt es immer viel zu lachen. Die kleinen und großen Geschichten aus dem Gemeindealltag bieten viel Stoff zum Erzählen. Oft lache ich mir an solchen Abenden meine Seele gesund. Doch warum lachen wir überhaupt? Wer sich über das Lachen Gedanken macht, wird überrascht sein.

Vielleicht haben Sie über den ersten Satz geschmunzelt, möglicherweise sind Sie aber auch ärgerlich geworden.  Lachen oder sich ärgern sind Geschwisterpaare. Wenn der Spaß aufhört, fängt der Ärger an. Beide Gefühlszustände erleben wir, wenn wir ent-täuscht werden. Die Komik einer lustigen Erzählung entsteht durch eine unerwartete Wendung in der Pointe. Der erste Teil eines Witzes täuscht uns eine Geschichte vor, die plötzlich einen ganz anderen Verlauf nimmt. „Warum sind Blondinenwitze immer so kurz?“ Stereotypisch werden die meisten bei dieser Frage durch das Klischee der dummen Blondine getäuscht. Das Ende der Täuschung lautet aber: „Damit auch Männer sie verstehen.“ Spaß geht eben auch zuerst durch den Verstand. Wer den Witz nicht versteht, kann nicht darüber lachen. Je nach dem Maß, wie wir ent-täuscht werden, lachen oder Ärgern wir uns. Ein Pastor fährt normalerweise keine Pizza ins Bordell. „Jetzt hört der Spaß aber auf!“ „Das ist jetzt kein Witz mehr – oder?“ Nein! Das ist eine wahre Geschichte. Seine Gemeinde hatte leider kein Geld, um ihm ein ordentliches Gehalt zu zahlen.

Dabei ist enttäuscht zu werden nichts Schlechtes. Schließlich ist es das Ende einer Täuschung. Das ist heilsam, wenn es um unsere Beziehung zu anderen Menschen geht. Ich kann mich manchmal richtig über andere aufregen, die mich enttäuscht haben. Doch ist mein Ärger überhaupt berechtigt? Oft sind unsere falschen Erwartungen und Schubladen, die wir auf einen Menschen projetzieren, die Ursachen der Selbsttäuschung. Wenn dieser Mensch dann plötzlich nicht unserem Bild entspricht, ärgern wir uns über ihn. Wir können jedoch einen anderen Menschen nicht für unsere enttäuschten Vorstellungen verantwortlich machen, es sei denn, er hat uns bewusst getäuscht.

Jeder Mensch sieht die Welt aus seiner Insel-Perspektive. Dort gibt es einzigartige Landschaften, die durch individuelle Erziehung, Erlebnissen und Erfahrungen entstanden sind. Unser kleines Egoparadies ist für uns in der Regel völlig in Ordnung. Die Täuschung beginnt in dem Moment, wenn wir nach unseren Wertmaßstäben die Inseln anderer Menschen um uns herum beurteilen oder gar verurteilen. Wenn wir unser Insel-Ego zum Maßstab für andere erklären, fängt der Ärger an. Das tun wir, wenn wir Forderungen an Personen haben, die diese aufgrund ihrer charakterlichen Prägungen und erlernten Fähigkeiten nicht erfüllen können. So entsteht ein dramatischer Teufelskreis aus Erwartungen, Enttäuschungen und Schuldzuweisungen. Jetzt kann niemand mehr lachen. Wir sind ärgerlich und enttäuscht.

Schon vor Jahrtausenden haben die Menschen diesen zerstörenden Mechanismus erkannt und in ihren Erzählungen weitergegeben. So auch in der Bibel. Dort wird der Konflikt durch die Geschichte von Adam und Eva so beschrieben. Sie bekamen Lust selbst darüber zu entscheiden, was Gut und was Böse sein soll. Dadurch ging das Paradies für den Mensch verloren. Doch über Gut und Böse will Gott allein bestimmen können. Wir spielen mit unseren Ego-Bewertungen Gott und lösen Ärger und Konflikte aus.

Diesen Ärger könnten wir uns sparen, wenn wir unsere egoistischen oder überzogenen Erwartungen an Ehepartner, Verwandte, Kollegen oder Mitarbeiter loslassen und unsere Verantwortung an unseren Gefühlen in solch einem Drama sehen. Mir geht es nicht darum, überhaupt keine Erwartungen zu haben. Es geht mir darum, was diese Erwartungen mit uns machen. Sich ärgern bringt nichts und löst immer mehr Konflikte aus. Wenn wir uns länger als dreißig Sekunden über jemand anderes ärgern, dann hat das vielmehr mit uns selbst zu tun, als mit der unmöglichen Person, die unseren Ärger auslöst. Meistens ärgern wir uns über Menschen, die uns sehr ähnlich sind oder die wir insgeheim beneiden. Denn wir können uns prinzipiell über nichts aufregen, das nicht auch auf unserer Privatinsel angelegt ist oder dort im Argen liegt. Durch unseren Ärger benutzen wir Andere als Projektionsfläche unserer tiefen Ängste und Sehnsüchte. Was wir Anderen vorwerfen, werfen wir uns daher selbst vor. Doch jeder Mensch hat es vielmehr verdient, in seiner Einzigartigkeit als wertvoll und richtig wahrgenommen zu werden.

Fragen Sie sich deshalb einmal, wie Ihr Verhältnis zu einer Person sein könnte, ohne Ihre ärgerlichen Gedanken über sie. Drehen Sie Ihre Anklage einmal um und schreiben Sie statt: „Der oder die ist …“, „Ich bin …“. Was könnten diese Sätze mit Ihnen zu tun haben? Können Sie Ihre Fehler und Macken annehmen und sich trotzdem lieben? Ein Kernsatz von Jesus lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer sich selbst nicht liebt und seinen Selbstwert nicht erkennt, macht unbewusst Andere dafür verantwortlichen, für wie wertvoll er sich selbst hält. Das liegt daran, weil seine Selbstliebe davon abhängig ist, wie andere Menschen zu ihm stehen oder sich ihm gegenüber verhalten. Daraus entstehen falsche Ansprüche an das Verhalten anderer Menschen und schließlich unsere enttäuschten Erwartungen. Wer sie loslässt ist glücklicher und auch gesünder. Bleiben Sie enttäuscht, nur so kann man gemeinsam Spaß haben und auch über sich selbst lachen.

Im Übrigen hat Jesus die Menschen oft enttäuscht. Deshalb ärgerten sich so viele über ihn. Er passte nicht in ihre Schubladen. Wortgewandt und manchmal mit witzigen Geschichten hielt er den Menschen einen Spiegel ihre Seele vor. Einmal sagte er: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! […] Wie wirst du zu deinem Bruder sagen: Erlaube, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, der Balken ist in deinem Auge?“ Matthäus 7,1+4

Peter Otparlik

Verstehen sie Spaß?
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