Weniger ist mehr!

Plötzlich tauchte auf der Autobahn A6 die Abfahrt nach Nürnberg auf. Nürnberg? Denke ich. Wieso sind wir bei Nürnberg? Wir sollten doch in Richtung Kassel unterwegs sein? Mit zwei Kollegen war ich auf dem Weg zu unserer Bundeskonferenz nach Kirchheim. Dabei hatten wir so intensiv über ein hochinteressantes Thema gesprochen, dass wir völlig vergasen, wohin wir unterwegs waren. Das Autobahnkreuz, bei dem wir eigentlich Richtung Kassel auf die A7 abbiegen sollten, ließen wir hinter uns und fuhren nahezu über 100 km weiter, bis das Ausfahrtschild „Nürnberg“ mich aus meiner Gesprächshypnose wieder rausriss. Multitasking beim Autofahren, intensive Gespräche führen und konzentriert Auto fahren geht nicht und kann sogar lebensgefährlich sein.

Doch kann Multitasking in anderen Alltagssituationen oder im Berufsleben vielleicht Erfolg bringen? Die Welt ist durch die Vernetzung und dem ständigen Zugriff auf Wissen und Produkte viel komplexer geworden. Was wir möchten, wollen wir am besten sofort. Mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, könnte ein Weg zu mehr Effektivität sein. Im Moment scheint es ein geheimes Staunen über Menschen zu geben, die mit drei Telefonen in der Hand ihre Firma am Laufen halten. Möglicherweise halten sie sich selbst sogar für sehr dynamische Führungskräfte. Doch in Wirklichkeit lässt diese Arbeitsweise eher auf ein recht undiszipliniertes Leben schließen. Sie verzetteln sich schlicht mit ihren vielen Aufgaben. Ein Garant für Erfolg ist gerade die Konzentration auf einige wenige Aufgaben, die professionell erledigt werden.

Viele berühmte Menschen wie Albert Einstein, Martin Luther oder der Mathematiker Carl Friedrich Gaus haben in ihrem Leben nur einige wenige Dinge getan. Diese aber äußerst erfolgreich. Ein Beispiel dafür ist der amerikanische Präsident Harry Truman. Er wurde Präsident, als Franklin Roosevelts 1945 plötzlich verstarb. Talent fehlte ihn. Den ehemaligen Bauern hielt die Presse für völlig unfähig. Mit seiner Abwahl wurde 1949 gerechnet. Doch Truman blieb im Amt, weil er Herausragendes durch die Konzentration auf die wirklich wichtigen Dinge leistete und sich dadurch spezialisierte.

Tatsächlich laufen in unserem Gehirn zwar gleichzeitig unbewusst viele Prozesse nebeneinander ab. Sollen allerdings bewusste Entscheidungen getroffen werden, dann kann immer nur eine Sache nach der Nächsten vom Gehirn verarbeitet werden. Versuchen wir es dennoch, steigt die Fehlerquote durch Unaufmerksamkeit. Deshalb ist Telefonieren beim Autofahren verboten! Das gilt auch für Frauen, denen eine höhere Gabe zum Multitasking nachgesagt wird. In Wahrheit entstehen durch das gleichzeitige Erledigen mehrerer Aufgaben Stress, Krankheiten und Qualitätsverluste. Die Natur macht uns das Prinzip der Konzentration vor. Prozessabläufe zu optimieren heißt hier, möglichst viel Energie zu sparen. Wer mit dem wenigsten Aufwand sein Leben sichert, ist der Sieger. Stress wird um jeden Preis vermieden und meistens nur in Gefahrensituationen wahrgenommen.

Ein Mensch im Multitaskingmodus ist daher ein von Ängsten getriebener Mensch. Dahinter steckt oft ein Mangel an Selbstwert, den man durch viel Arbeit wettzumachen versucht. Kennen Sie ihre wichtigsten Antreiber? Beeil Dich! Sei Perfekt! Streng Dich an! Mach es allen recht! Sei stark! Defizite in unserem Leben sind eigentlich gut, weil sie uns in Bewegung versetzt. Es kommt aber darauf an, sich um die wirklich wichtigen Aufgaben zu kümmern. Um erfolgreich zu sein, muss man nicht in jedem Gremium sitzen und für alles die Verantwortung übernehmen. Das Paretoprinzip macht deutlich: Wenn Sie sich auf 20 % Ihrer wichtigsten Aufgaben konzentrieren, können Sie 80 % Leistung erzielen. Wie würde Ihr Arbeitsalltag wohl aussehen, wenn Sie für Ihre restlichen 20 % einen fähigen Mitarbeiter hätten? Fokussieren Sie Ihre Energie auf Ihre wirklich Stärken. Delegieren Sie Arbeiten an Personen, die dafür wirkliche Kompetenzen haben. Geben Sie Kontrolle ab und investieren Sie Vertrauen. Das schafft ein entspanntes, kreatives Arbeitsklima und einen respektvollen Umgang miteinander.

Gerade von meinem Berufsstand als Pastor, verlangt man manchmal die „eierlegende Wollmilchsau“ zu sein. Kaum jemand kann einschätzen, welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten sich mit diesem Beruf verbinden. Gesehen wird das Ergebnis meiner Arbeit von den meisten nur am Sonntag. Umso mehr muss ich mich von der Versuchung befreien, durch „Multitasking“ allen zu zeigen, dass ich unverzichtbar bin. Im Gegenteil, gute Führungsleistung zeichnet sich dadurch aus, sich verzichtbar zu machen. Wenn die Ziele und Aufgaben der einzelnen Mitarbeiter durch klug gewählte Strukturen und Prozessabläufe sich fast von alleine generieren und erledigt werden, war meine Arbeit sehr gut. So kann ich mich den großen oder neuen Führungszielen meiner Gemeinde widmen und verzettele mich nicht. Mir hilft Gebet gelassener zu werden, Vertrauen zu entwickeln und mich innerlich von Erwartungen und Stress zu befreien. Finden Sie Ihren Weg sich zu sammeln und zu konzentrieren.

Im Übrigen ist Jesus das Prinzip der Konzentration sehr wichtig. Er ist der Meinung: „Niemand kann zwei Herren dienen.“ Matthäus 6,24, und fordert die Menschen auf: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes […]! Und alles andere wird euch gegeben werden.“ Matthäus 6,33. Auch die Apostel wendeten das Prinzip konsequent an. Die frühe Kirche hatte in Jerusalem ein enormes Wachstum erlebt. Die Apostel hatten so viel um die Ohren, dass sie der Arbeit nicht mehr gerecht werden konnten. Manche arme Gemeindeglieder wurden beim gemeinschaftlichen Essen einfach von ihnen übersehen und bekamen nichts ab. Konflikte entstanden. Deshalb sprachen sie zur Gemeinde: „Es ist nicht gut, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und die Tische bedienen.“ Apostelgeschichte 6,2. Sie gaben diese Verantwortung für das Gemeindeessen an Diakone ab und konzentrierten sich zukünftig wieder auf ihre Führungsaufgaben.

Peter Otparlik

Weniger ist mehr!
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